Archiv für den Monat: April 2010

Die Katze im Käfig

Katze  Röschen im Korb am Fenster
An einem sonnigen, wolkigen, windigen Frühjahrstag wurde Röschen in den Käfig gesperrt. Kurz zuvor lag sie noch ganz entspannt auf der Heizung, ließ ein Bein herunter hängen und schnurrte leise durch ihren riesigen Schnurrbart. Warum muss das sein?

Röschen wurde mit ihren beiden Geschwistern vor knapp einem Jahr in einem Gebüsch irgendwo in dem Ort Hiddenhausen nördlich von Herford geboren und dort von Mitarbeiterinnen der Tierrettung Herford gefunden. Ihre junge, schwangere Mutter hatte offenbar jemand dort ausgesetzt. Um die Kleinen zu retten, kastrieren zu lassen und in liebevolle Hände weiter zu vermitteln, sind damals von ihrer Mutter getrennt und bei meiner Frau in Pflege gegeben worden: ein kleiner Tigerkater mit dunkler Nase, ein schwarzes Kätzchen mit gelben Augen und ein getigertes Kätzchen, das kleinste der drei, dem meine Frau ihres rosigen Näschens wegen den Namen Röschen gab.

Röschen war die Scheueste der drei und hat uns am Anfang ständig angefaucht. Meine Frau gab sich besonders viel Mühe, Röschens Vertrauen zu gewinnen, und hatte es nach einem Monat geschafft: Röschen lief nicht mehr weg, sondern kaum laut schnurrend herbei, wenn meine Frau im Keller auftauchte, wo wir die drei untergebracht hatten. Leider konnten sie nicht frei im Haus herumlaufen, weil Motte, unsere alte Katze, sehr empfindlich ist gegenüber Störungen – und weil wir es gewohnt waren, unserer Motte alle Wünsche von den großen grünen Augen abzulesen.
Das Schicksal der drei Kätzchen nahm zeitweise einen dramatischen Verlauf, weil sich bei allen drei eine hartnäckige Darmentzündung monatelang hielt und die Kleinen deshalb ständig Durchfall hatten. Sie kletterten in unserem Kellerregalen herum, und manchmal tropfte ihnen der Durchfall auf meine Ordner, die dort standen. Doch nach langem Kampf kriegte meine Frau auch dieses Problem in den Griff.

Kätzchen  Röschen (links) und Luigi  zwei  Kätzchen im Wäschekorb  Kätzchen  Röschen im Drucker
Das kleine Röschen (jeweils links) mit ihrem Bruder Luigi

Noch hartnäckiger als der Durchfall war das Nein der Mitmenschen, die wir immer wieder fragten, ob sie eines unserer drei Kätzchen aufnehmen wollten. Das Jahr 2009 ging möglicherweise in die Geschichte ein als das Jahr, in dem in Deutschland die meisten Katzen abgegeben oder ausgesetzt und die wenigsten aufgenommen wurden. Eine Wirtschaftskrise traf auf einen zunehmend konservativen Zeitgeist, auf Wettbewerbsgeist, Mobilität, Härtekult, Sparappelle und permanente Globetrotterei – schlechte Zeiten für Tiere, die so ausgesucht nutzlos, unproduktiv, allürenhaft, liebesbedürftig, sanft, empfindlich, ortsfest, untransportierbar und kostenintensiv sind wie Katzen.

Nach vielen Monaten der Suche fand sich schließlich eine Interessentin für den Kater Luigi. Die schwarze, stets elegante Lillemoor mit ihrem Faible für dekorative rote Unterlagen konnte meine Frau schließlich ihrer Freundin und Kollegin anvertrauen, die sich gerade von ihrem langjährigen Freund getrennt hatte und über Einsamkeit in ihrem Haus klagte. Übrig blieb Röschen. Ja, Röschen ist ein bisschen schwierig; sie ist öfter mal ein bisschen fordernd. Ja, ihr Geschrei kann auch mal nerven. Ja, sie braucht viel Aufmerksamkeit. Seit ihre Schwester Lilly weg ist, ist sie völlig auf uns Menschen fixiert. Ja, sie fremdelt etwas. Ja, sie braucht auch einen Garten, eine Katzenklappe, stets freie Bahn im Haus (die sie bei uns nicht hat), und Liebe, Liebe, Liebe. Ja, sie ist schwer vermittelbar.

Katze  Röschen im Schnee

Katze Röschen im Schnee

Warum muss sie überhaupt weg? Weil sie unsere gute alte Motte verjagt, wo immer sie sie sichtet. Röschen duldet keine andere Prinzessin neben sich (was sich im Käfig vielleicht gerade ändert). Und sie ist inzwischen fast doppelt so schwer wie unsere zarte, wilde Motte.

Die Interessentinnen kamen und gingen. Sie gingen stets ohne Röschen. Sie fanden, dass sie Röschen nicht genug geben könnten. Dass sie vielleicht doch zu oft weg seien. Dass da doch noch Platz für ein zweites Tier sein müsse. Und dass man vielleicht doch nicht genügend Zeit habe, sich um die Tiere zu kümmern.

Deshalb brachte meine Frau unser Röschen, das eigentlich der Tierrettung Herford gehört, in eine Tierpension. Dort wird sie in einen Käfig gesperrt, zusammen mit zwei Katern. Wir hoffen, dass sie dort nicht allzu sehr leidet. Wir vermissen sie. Keine Katze ist so gesprächig wie sie; keine kann so gekonnt mit ihren Menschen schimpfen wie sie. Keine erbeutet so stolz die Maus an der Angel wie sie. Keine knurrt so kampfkatzenmäßig wie sie, wenn fremde Männer vor der Tür stehen. Keine schnurrt so laut wie sie. Keine hat so ein süßes Wabbelbäuchlein und so einen stattlichen Schnurrbart wie sie. Das ist Röschen. Röschen sitzt jetzt im Käfig. Jeden Tag. Bis du Ja zu Röschen sagst und sie rettest.

Bitte wende dich ggf. an die Tierrettung Herford. Kontaktformular